Weltbester Segelflug des Tages – mit einem über 30 Jahre alten Flugzeug
Sascha Kaiser von der Segelfluggruppe Reiselfingen fliegt über 1.000 Kilometer und landet auf Platz 1 der globalen WeGlide-Tageswertung
Was ist WeGlide? Wer noch nie von WeGlide gehört hat, dem sei kurz erklärt: Es handelt sich um eine weltweit genutzte Internet-Plattform, auf der Segelfliegerinnen und Segelflieger ihre Flüge automatisch aufzeichnen, hochladen und miteinander vergleichen. Täglich werden dort Tausende von Flügen aus allen Kontinenten erfasst – von Australien über Südafrika bis Skandinavien.
WeGlide berechnet auf Basis von Streckenlänge,
Geschwindigkeit und Flugzeugklasse eine Punktzahl,
die verschiedene Maschinen und Piloten fair miteinander vergleichbar macht.
Der Pilot mit den meisten Tagespunkten steht ganz oben – weltweit.
Genau dort stand am Mittwoch, dem 27. Mai 2026:
Sascha Kaiser (33) aus Reiselfingen.
Ein Morgen mit Versprechen
Der Wecker klingelt früh an diesem Mittwochmorgen. Draußen über dem Schwarzwald liegt noch der Morgendunst, aber die Wettermodelle versprechen etwas Außergewöhnliches: ein kräftiger Hochdruckrücken, eine hohe Thermikbasis, gut entwickelte Cumuluswolken bis in den Mittag. Es ist ein Tag, auf den man als Segelflieger monatelang wartet.
Um 10:06 Uhr rollt Sascha Kaiser auf dem Segelflugplatz Reiselfingen auf die Piste. Sein Flugzeug: eine DG 400 mit 17-Meter-Spannweite, Kennzeichen D-KKIF. Den Motor wird er heute nur zum Start brauchen.
Das Segelflugzeug stammt aus den frühen 1990er-Jahren – es ist über 30 Jahre alt, technisch längst nicht mehr auf dem Stand moderner Hochleistungssegler. Kein Glasfaser-Wunderflieger der neuesten Generation, kein computeroptimiertes Spitzenmuster. Ein würdiger, aber betagter Veteran des Segelflughimmels. Dass ausgerechnet mit diesem Flugzeug an diesem Tag die weltbeste Leistung gelingen würde, macht den Erfolg umso bemerkenswerter.
Über der Schwäbischen Alb bis nach Bayern
Die ersten Stunden verlangen Geduld. Die Thermik ist noch verhalten, die Wolken entwickeln sich langsam. Sascha Kaiser orientiert sich nach Süden, tastet sich Richtung Alpenrand vor. Gegen 12:40 Uhr hat er bereits 235 Kilometer hinter sich – die Durchschnittsgeschwindigkeit liegt noch bei 83 km/h. Das gehört zur Strategie: In der Frühphase Höhe und Sicherheit aufbauen, keine unnötigen Risiken eingehen.
Gegen Mittag dreht das Wetter richtig auf. Auf der bekannten Segelflug-Rennstrecke über der Schwäbischen Alb – auf WeGlide scherzhaft „Linsen with Spätzle“ genannt – ein 135 Kilometer langer Abschnitt zwischen 14:06 und 15:27 Uhr – erreicht Sascha Kaiser Höhen bis 2.600 Meter über dem Meeresspiegel bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 95 km/h. Es ist einer jener magischen Momente im Segelflug, wo man das Gefühl hat, das Wetter zu reiten statt gegen es zu kämpfen.
Immer über den Bergen
Der Nachmittag gehört ihm vollständig. Sascha Kaiser beschreibt eine weite freie Strecke, die ihn von Reiselfingen aus weit weg und wieder zurückführt – kein starres Dreieck, sondern eine frei gewählte Route nach den besten Thermiklinien des Tages. Die Streckenführung führt über die Höhenzüge von Schwarzwald und Alb – ein Terrain, das erfahrenen Piloten beste Aufwindstraßen bietet.
Um 19:05 Uhr zeigt der GPS-Logger 937 Kilometer Strecke, die Steigwerte sind noch immer positiv: Die Thermik macht noch keinen Feierabend!
Um 19:37 Uhr überschreitet Kaiser die 1.000-Kilometer-Marke – für viele Segelflieger eine symbolische Lebensleistung, hier erreicht an einem einzigen Tag. Die Nadel zeigt 1.001 km.
Glückliche Heimkehr
Um 19:57 Uhr setzt die DG 400 nach 9 Stunden und 51 Minuten Flugzeit wieder auf der Piste in Reiselfingen auf.
Das Ergebnis: 1.008,7 Kilometer Streckenlänge, 110,8 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit, 1.044,3 Punkte in der WeGlide-Wertung.
Noch auf der Landebahn kommen die ersten Glückwünsche ein. Frank Jankowski-Zumbrink kommentiert auf WeGlide: „Respekt! Und da war kein wirklicher Tiefpunkt drin zu sehen!“ – und genau das ist das Besondere dieses Fluges. Keine langen Wartezeiten in der Tiefe, kein zermürbendes Thermiksuchen unter kritischer Höhe.
Marven Gründler schreibt: „Herzlichen Glückwunsch! Hab dir gewunken 😀 🥳“ – er muss Sascha irgendwo über dem Schwarzwald oder Alpenvorland begegnet sein.
Eine Leistung, die einordnet
285 Kommentare und Reaktionen zählt der Flug auf WeGlide – eine für die Segelfluggemeinschaft außergewöhnliche Resonanz.
Was steckt dahinter? Es geht nicht allein um die runde Zahl von über 1.000 Kilometern, auch wenn diese für sich schon beeindruckend ist. Es geht darum, dass Sascha Kaiser an diesem Tag mit einem über drei Jahrzehnte alten Flugzeug, das keinerlei Vorteil gegenüber modernsten Mustern hat, die beste gewertete Segelflug-Leistung weltweit erbracht hat.
Pilot, Wissen und Wettergespür haben an diesem Mittwoch alle technischen Nachteile ausgeglichen – und übertroffen.
Die Segelfluggruppe Reiselfingen darf stolz sein auf ihren Piloten.
Saschas Flug auf WeGlide: https://www.weglide.org/flight/1100687
